Kann das wissenschaftliche Denken erneuert werden?

Helmut Kiene

Ist eine Erneuerung des wissenschaftlichen Denkens nötig? Ist eine Erneuerung möglich? 
Die Antwort des vorliegenden Buches ist ein eindeutiges Ja. Das Buch ist die Einführung in die Grundlagen, die Methodik und die inhaltlichen Konsequenzen dieser Erneuerung. 
Um zu verstehen, in welche Richtung das Buch zielt, vergegenwärtige man sich die große Reform der Wissenschaft zu Beginn der Neuzeit. Es handelte sich in erster Linie um einen methodischen Umbruch. Damals wurde die aristotelische Naturbetrachtung zurückgewiesen und eine experimentelle Wissenschaft gefordert: Der Wissenschafler solle nicht mehr nur beobachten, sondern soll das Zustandekommen der Beobachtungen selbst erzeugen und kontrollieren. Er soll, durch Experimentieren, aktiv und zielgerichtet die Bedingungen für das Auftreten der beobachtbaren Phänomene herstellen und so den Zusammenhang von Bedingung und Beobachtung sicherer erfassen als bei bloß passiv wahrnehmender Naturbetrachtung. Kontrolliertes Beobachten ist es, was den Kern der experimentellen Methode ausmacht.
Das Experiment betrifft jedoch nur die Hälfte des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses, nur das Beobachten. Die andere Hälfte, das Denken, ist noch wichtiger, denn auch wissenschaftliche Experimente bedürfen einer gedanklichen Deutung. Für das Denken gibt es aber bisher keine kontrollierende Methode. Auch die gegenwärtige Mathematik leistet diese Kontrolle nur zum Teil. Was der Wissenschaft fehlt, ist eine Methode der kontrollierten Begriffsbildung. 
Dies ist der Punkt, an dem das vorliegende Buch ansetzt. Das Buch entwickelt diese Methode und beschreibt ihren Einsatz in wichtigen Fachdisziplinen. Da diese Methode sich auf das wissenschaftliche Denken selbst erstreckt, erzeugt sie eine tiefgreifende Neufassung aller Wissenschaftsbereiche. Sie verändert deren Grundlagen und modifiziert ihre Inhalte: als erstes in der Erkenntnistheorie selbst, im Weiteren aber auch in Logik, Arithmetik, Geometrie, Kinematik, Physik, Biologie und Anthropologie. 

In allen diesen Disziplinen liegt die Grundlage der Erneuerungsmethode in der radikalen Rückführung der Begriffe auf die Stellung des Menschen in jener Wirklichkeit, in der wir mit unseren Armen und Beinen, mit unseren Augen und Ohren und mit unserem Denkvermögen tagtäglich leben. In dieser basalen Wirklichkeit sind die grundlegenden Beziehungen zwischen dem Wissenschaftler (dem Subjekt) und der jeweiligen untersuchten Sache (dem Objekt) zu finden. Wenn der Bogen des wissenschaftlichen Erkennens bewusst bis zu dieser Grundlage zurückgespannt und wenn von hier aus die wissenschaftliche Begrifflichkeit schrittweise und systematisch neu aufgebaut wird, eröffnen sich Perspektiven, die aus Sicht der konventionellen Wissenschaft als etwas Unmögliches erscheinen: 
-    Die Mathematik erfährt eine tiefere Begründung als in den bloßen sogenannten Axiomen. 
-  Die Physik erhält einen Zugang zu dem, was einst als platonische Ideenwelt bezeichnet wurde. Hierdurch lassen sich physikalische Gesetze logisch herleiten, ohne Messungen. Für die Physik bedeutet das nicht nur eine neue Methodik, sondern auch eine weitreichende Erneuerung ihres Inhalts. Es entsteht ein neues Verständnis von Gravitation und Licht und deren gegenseitiger Beziehung, es entsteht auch ein neues Verständnis von Materie.
- Biologie und Anthropologie erhalten die Möglichkeit zur Erforschung spezifischer Kräfte der organismischen Gestaltbildung und der menschlichen Bewusstseinsbildung. 
Mit dieser Erneuerung entsteht eine neue Gesamtgestalt der Wissenschaft. Sie ist in methodischer Hinsicht tiefgründiger als die herkömmliche Mathematik und klassischer als die klassische Physik, und sie erschließt in inhaltlicher Hinsicht neue Wirklichkeitsbereiche. Der herkömmliche Gegensatz von logischer Mathematik und empirischer Naturwissenschaft löst sich auf, stattdessen werden Ordnungen sichtbar, die umfassender sind als die bisherigen Naturgesetze. 
Durch diese Erneuerung des wissenschaftlichen Denkens entsteht in dreifachem Sinne eine „Mensch-Wissenschaft“: Erstens ist es der Mensch selbst in seinem alltäglichen Dasein, worin die Ausgangsbasis für die Methode der kontrollierten Begriffsbildung besteht. Zweitens kann der Mensch selbst, und zwar gezielt und mit vollem Bewusstsein, durch die kontrollierte Begriffsbildungsmethode seine eigenen begrifflichen Erkenntnisprozesse erzeugen. Drittens resultiert diese Art der Wissenschaft, auch wenn sie in unserer banalen Alltagswirklichkeit beginnt, in einem differenzierten geistigen Selbstverständnis des Menschen.

Für den Leser mag das eigentlich Überraschende sein, dass eine Forschungsmethode entwickelt wird und zum Einsatz kommt, die bisher praktisch unbekannt ist. Zwar ist diese Methode – die Methode der Begriffsbildung – von jeher in allen Fachdisziplinen existent, aber sie wird dort nur unbewusst und deshalb oft irreführend ausgeübt. Indem nun diese Methode ins Bewusstsein gehoben wird, kann sie gezielt für wissenschaftliche Forschung eingesetzt werden und führt zu den genannten Vertiefungen und Erweiterungen der Wissenschaft. Da diese neue Forschungsmethode das Denken selbst betrifft, ist es möglich, sie im Rahmen des vorliegenden Buchformats vorzustellen und zu praktizieren.

Das Buch richtet sich an zwei Zielgruppen: nicht nur an Fachspezialisten, sondern auch an die breitere Öffentlichkeit. Da die Methode der kontrollierten Begriffsbildung auf allen Stufen von der Alltagssituation des Menschen ausgeht, ist das Buch relativ einfach zu lesen, auch deshalb, weil die entscheidenden gedanklichen Erneuerungen nicht innerhalb, sondern vor den Formalisierungen und Quantifizierungen liegen. Das ist auch der Grund, warum die Lektüre des Buches keine spezifischen Vorkenntnisse erfordert. Dennoch können hier Mathematiker, Physiker, Biologen, Psychologen und Anthropologen ein gedankliches Instrumentarium finden, mit dem sie ihre eigenen Fachbereiche verändern können, auch noch hinausgehend über den hier vorgelegten Rahmen.

Begonnen wird das Buch mit einer Charakterisierung des bisherigen wissenschaftlichen Denkens: Was ist dieses Denken? Wie hat es sich entwickelt? Warum muss es erneuert werden? – Zur Beantwortung dieser Fragen beginnt das Buch mit einem geschichtlichen Aufriss des Denkens im Abendland, von Platon und Aristoteles über den Beginn der Neuzeit bis heute. Diese historische Entwicklung ist dann auch der Bezugshintergrund für die in den weiteren Kapiteln folgende methodische und inhaltliche Erneuerung.

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