Der Wirksamkeitsnachweis in der Medizin
Ein wichtiger Arbeitsbereich im Institut für angewandte
Erkenntnistheorie und medizinische Methodologie ist die Entwicklung
neuer Methoden zur Bestimmung der Wirksamkeit medizinischer
Therapieverfahren.
Zum Wohl des Patienten und zur vernünftigen Ausgabe von
Geldern der Krankenversicherungen soll die therapeutische
Entscheidungsfindung in der Medizin frei sein von persönlichen
Interessen, Marketing und Dogmatik, statt dessen orientiert an
sachlichen Gegebenheiten und empirischer Evidenz. Dazu sollen klinische
Forschungsergebnisse – hinsichtlich Wirksamkeit und Sicherheit –
systematisch einbezogen werden. Dieser Ethos ist selbstevident,
strittig ist jedoch der Weg zu seiner Verwirklichung.
Der Wirksamkeitsnachweis ist nach herkömmlicher Methodenlehre klinischer Forschung nur in vergleichenden Kohortenstudien (Behandlungsgruppe vs. Kontrollgruppe) möglich1
. Der Goldstandard solcher vergleichender Studien ist die randomisierte
klinische Studie – der Randomized Controlled Trial (RCT). Fallen in
einer qualitativ gut durchgeführten Studie die Ergebnisse der
Behandlungsgruppe statistisch signifikant besser aus als die Ergebnisse
der Kontrollgruppe, so gilt dies als Überlegenheits- bzw.
Wirksamkeitsnachweis. Das systematische Aufsuchen solcher Studien und
Bewertung ihrer Qualität kann einen guten Überblick über
die externe Evidenz zu der jeweiligen Therapie geben, die, verbunden
mit der persönlichen Expertise des Arztes, zu einer Verbesserung
der Patientenversorgung führen kann. Man spricht
diesbezüglich von Evidence-based Medicine.
Dieser Ansatz hat zu einer Verobjektivierung und besseren
Nachvollziehbarkeit vieler Entscheidungsfindungen in der Medizin
geführt und hilft – so ist anzunehmen – in vielen Fällen, die
Patientenversorgung zu verbessern. Verschiedene problematische
Einseitigkeiten sind jedoch damit verbunden:
- Randomisierte klinische Studien haben eine systematische Tendenz zu falsch negativen Ergebnissen.
- In randomisierten Studien wird einem Teil der Patienten die
bessere Therapie vorenthalten. Dies ist nur dann legitimiert, wenn
vorab kein ausreichender Grund vorhanden ist, anzunehmen, daß die
Prüftherapie der Kontrolltherapie überlegen ist. Dies ist
aber meist nicht der Fall, was zu einem ethischen Dilemma führt.
- Bei Selektion von Therapien aufgrund des Vorliegens randomisierter
klinischer Studien kommt es zu einem Kommerzbias: Da diese Studien
teuer sind (6- bis 8-stellige Beträge), benötigen sie
einen erheblichen infrastrukturellen Aufwand und hohes fachliches
Know-how und lassen sich nur schwerfällig und nur bei weit
verbreiteten Krankheiten durchführen. Benachteiligt werden dadurch
Therapien ohne finanzstarke industrielle Rückendeckung und ohne
Aussicht auf breite Vermarktung: nicht-pharmakologische Therapien (z.
B. Physiotherapien, Kreativtherapien, Psychotherapien, chirurgische
Verfahren, manuelle Therapien, alle Anwendungs- und
Hinwendungsorientierten Verfahren), Therapien tropischer Erkrankungen
(„neglected diseases“), Behandlungen seltener Erkrankungen,
Langzeitbehandlungen chronischer Erkrankungen, Antidote gegen
Vergiftungen, Impfstoffe (gravierender Rückgang der
Verfügbarkeit wird bereits beklagt), Therapien von Kindern,
Therapien mit großen Präferenzen seitens der Ärzte oder
Patienten (z. B. wegen großer Therapieeffekte) und die Besonderen
Therapierichtungen (wo aufgrund der Systemlogik die pharmazeutischen
Hersteller hunderte oder tausende Arzneispezialitäten vorhalten
müssen).
- Der individuell patientenbehandelnde Arzt und seine Erfahrungen
werden aus der Erkenntnisbildung ausgeschlossen. Eine Verzögerung
des medizinisch-therapeutischen Fortschritts hierdurch ist
wahrscheinlich.
Gegenüber diesem herkömmlichen Paradigma gab es im
Institut für angewandte Erkenntnistheorie zwei methodologische
Neu-Entwicklungen:
1. Die Methode der Wirksamkeitsbeurteilung am Einzelpatienten
Erkenntnistheoretische Untersuchungen zu singulärem Kausalerkennen
wurden auf die Medizin übertragen und Kriterien der Beurteilung
der Therapiewirksamkeit am einzelnen Patienten analysiert und
erfaßt. Entsprechende Kriterien wurden kategorisiert und
aufgelistet.
Tabelle 1: Kausalitätskriterien für die Wirksamkeitsbeurteilung am individuellen Patienten2
|
Erkennen einer abbildenden
Korrespondenz
- Korrespondenz von Zeitpunkten und das Vorher-Nachher-Zeitverhältnis
- Korrespondenz von Zeitmustern
- Korrespondenz von Raummustern
- Morphologische Korrespondenz
- Dosis-Wirkungs-Korrespondenz
- Prozessuale Korrespondenz
- Dialogische Korrespondenz
Erkennen einer Kausalgestalt
- Funktionelle therapeutische Kausalgestalt
- Funktioneller Therapieprozeß
Erkennen von Kausalfaktoren durch Begleituntersuchungen
|
Wenn eines dieser Kriterien vorliegt, kann der Arzt am
individuellen Patienten die Wirksamkeit der Therapie beurteilen.
Entsprechende Therapiebeurteilungen können retrospektiv oder
prospektiv als Einzelfallstudien erfolgen (Therapeutischer
Kausalbericht, engl.: Therapeutic Causality Report, TCR).
2. Die Methode der vergleichsunabhängigen Wirksamkeitsbeurteilung an der Patientenkohorte
Die Wirksamkeitsbeurteilung an einer Patientenkohorte ohne
Kontrollgruppe erfolgt durch die Überprüfung der o. g.
Kausalitätskriterien in der Kohorte. Weil diese
Kausalitätskriterien sich oft auf nicht eindeutige Korrespondenzen
zwischen Intervention und Outcome beschränken („schwache
Kausalitätskriterien“) und andere Verursachungen oder
Vortäuschungen des Outcomes (Biasfaktoren) möglich sind, wird
durch die BIAS-Methode (Bias Identification, Assessment and
Suppression) untersucht, ob das Outcome durch die therapeutische
Intervention oder durch Bias-Faktoren bedingt wurde (Publikation in
Vorbereitung).
Mit Hilfe der TCR-Methode und der BIAS-Methode eröffnet sich
ein breiter neuer Horizont für klinische
Forschungsmöglichkeiten. Es sind kontrollgruppenfreie Methoden,
weswegen sie – in nicht-formalisierter Weise – auch vom einzelnen Arzt
zur Beurteilung seiner Therapiehandlungen eingesetzt werden
können. Diese Methoden können folglich die Grundlage interner
Evidenz des Arztes sein, wogegen es nach herkömmlicher
Methodenlehre klinischer Forschung (Evidence-based Medicine) nur eine
externe Evidenz geben könne. Zu Unterscheidung wird deshalb auch
von einer „Cognition-based Medicine“
gesprochen. Die Entwicklung einer Synthese von Cognition-based Medicine
und Evidence-based Medicine dürfte eine der wichtigsten Aufgaben
zur wissenschaftlichen Fundierung der Medizin sein.
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