Reduktionistische und holistische Konzepte in Immunologie, Onkologie und Gestaltentstehung

Für die Naturwissenschaft, speziell für Biologie, Immunologie und Onkologie waren in den vergangenen 150 Jahren folgende Paradigmen maßgebend und richtungsweisend:

  • Partikularismus, Reduktionismus: Alles ist auf Teile, Zellen, Moleküle und deren Wechselwirkungen zurückführbar und aus ihnen erklärbar; eine die Teile übergreifende Naturordnung gibt es nicht.
  • Materialismus, Mechanizismus: Alles Lebendige ist mit den Gesetzen der Chemie und Physik erklärbar; es gibt keine eigenen Gesetze des Lebendigen.
  • Darwinismus: Die Ursache evolutiver Veränderungen liegt in Zufall und Auslese durch Existenzvorteil; es gibt keine zielgerichteten Veränderungen.
  • Monopolanspruch der Statistik: Wissenschaftliche Erkenntnis erfolgt nur durch Vergleich anhand großer Zahlen und ist nicht am Einzelfall möglich.

Diese Paradigmen sind heute Gegenstand heftiger und kontroverser Diskussion, da die Biologie mit immenser Komplexität konfrontiert ist:

  • Multipartikularität: Die reduktionistische Analyse biologischer Prozesse zeigt, daß hierbei stets Dutzende oder Hunderte von unterschiedlichen Molekülen beteiligt sind.
  • Multirelationalität: Die vielen an einem bestimmten biologischen Prozeß beteiligten Zellen und Moleküle interagieren miteinander. Die Wirkung eines Moleküls (oder einer Zelle) auf einen bestimmten biologischen Prozeß wird durch Gegenwart eines weiteren Moleküls (bzw. Zelle) verändert. An biologischen Prozessen sind Dutzende von interagierenden Molekülen und Zellen beteiligt, was die Komplexität drastisch steigert.
  • Pleiotropie, Pluripotenz, Multifunktionalität: Zellen oder Moleküle (z. B. Zytokine) haben nicht nur eine einzige, sondern vielfältige und unterschiedliche Wirkungen auf bestimmte andere Zellen oder biologische Prozesse.
  • Redundanz: Verschiedene Zellen und Moleküle haben dieselben Effekte auf bestimmte Zellen und biologische Prozesse.
  • Kontextabhängigkeit der Wirkungen: Die Wirkung von Molekülen und Zellen auf andere Zellen oder biologische Prozesse ist abhängig vom jeweiligen Kontext; sie kann in verschiedenen Zusammenhängen unterschiedlich und auch entgegengesetzt ausfallen.

Angesichts dieser Komplexität biologischer Prozesse und der frustranen Versuche, sie mittels reduktionistischer Analysen aufzuklären, werden von der wissenschaftlichen Avantgarde weltweit ganzheitliche wissenschaftliche Konzeptionsbildungen gefordert und angestrebt.
Derartige ganzheitliche Paradigmen für Naturwissenschaft, speziell Biologie, Immunologie und Onkologie, weisen folgendende Grundzüge auf:

  • Holismus: Es gibt supramolekulare, ganzheitliche, systemische, den Teilchen hierarchisch übergeordnete Gesetze und Prinzipien in der Natur; solche ganzheitlichen Naturgesetze können gefunden und angewendet werden.
  • Lebendiges ist ein eigene Entität: Im Lebendigen gibt es spezifische Gesetze, zusätzlich zu Physik und Chemie.
  • Evolutionärer Holismus: Es gibt typologische Gestaltungsbeziehungen zwischen Organismen, jenseits der darwinistischen Evolutionsfaktoren.
  • Gestalterkennung: Gesetze und Ordnungsprinzipien der Natur können mittels nicht-statistischer, gestalterkennender Methode erfaßt werden.

Übersetzt man diese Reduktionismus-Holismus-Kontroverse auf die Krebserkrankung, so bedeutet dies:
Reduktionistisches Konzept: Krebs ist eine zelluläre Erkrankung, verursacht durch Krebszellen. Normale Zellen werden durch eine Reihe von zufälligen genetischen Mutationen zu Krebszellen. Diese Genmutationen führen zum Überlebensvorteil (verstärkte Proliferation, gehemmter Zelltod), Autonomie, Invasivität, metastatischer Ausbreitung. Die Mutationen und Eigenschaften werden an die Tochterzellen weitervererbt. Sie sind irreversibel, progredient, kumulativ und führen schließlich zum Tod des erkrankten Individuums. Für eine Heilung müssen alle Krebszellen radikal eliminiert werden, wenn nur eine Zelle zurückgelassen wird, kann sie prinzipiell wieder wachsen und schließlich den Patienten töten.

Holistisches Konzept: Es gibt spezifische Gesetze des Lebendigen, insbesondere gibt es eine hierarchische supramolekulare Organisation im Organismus – verschiedene Ebenen der Organisation der Moleküle, der Zellen, des Gewebes, der Organe und des gesamten Organismus. Die Ursache der Krebserkrankung liegt vorrangig in der Störung der Gewebeorganisation, welche die inhärenten Eigenschaften von Zellen – Teilung, Tod, Invasivität, Mobilität – übergeordnet reguliert. Erst sekundär infolge dieser Störung kommt es zum malignen Verhalten der Zellen und zu Mutationen des Genoms. Das Krebsgewebe verhält sich nicht wie ein Konglomerat von Einzelzellen sondern wie eine zelluläre Gesellschaft, ein Gewebe. Die adäquate Therapie ist die Wiederherstellung der normalen organismischen Gewebeorganisation.


Weiterführendes – Details und experimentelle Grundlagen – findet sich in folgenden Kapiteln aus dem Buch „Die Mistel in der Onkologie. Fakten und konzeptionelle Grundlagen“1:

Von Dämonen und Molekülrittern zur Komplexität in der Tumorimmunologie
Partikularistische und holistische Aspekte der Krebsentstehung
  • Der Einfluß der Umgebung auf Phänotyp und Genotyp von Tumorzellen
  • Populationsdynamische Gesichtspunkte zum Krebswachstum
  • Malignisierung, Differenzierung und Suppression des malignen Verhaltens durch die Umgebung
  • Krebs und fehlgeleitete Regeneration/Embryologie
  • Die somatische Genmutationen – notwendige und hinreichende Ursache der Krebsentstehung?
  • Die Zellteilung – der stimulierte oder natürliche Zustand der Zelle?


Die Notwendigkeit des Organismusbegriffs für die Krebsforschung
Leben als „Verwirklichung codierter Anweisungen“? DNA als „heimliche Herrscherin des Lebens“?

  • Die Mechanisierung und Atomisierung der Vererbung und Morphogenese – Widerlegung konstituierender Statuten
  • Epigenetische Regulation der Gen-Funktion und Gen-Information
  • Epigenetische Regulation und Direktion der Gen-Funktion in der Morphogenese

Möglichkeiten systemischer Ansätze in der Biologie?

  • Vitalismus, Reduktionismus, Organizismus
  • Das Ockham’sche Rasiermesser: Der Wissenschaftsstil der Biologie
  • Nomologische versus typologische Erklärung
  • Typologische Beziehung zwischen Mineral, Pflanze, Tier, Mensch – Verständnisgrundlagen für das Konzept der Misteltherapie
  • Rationale Rekonstruktion des Konzepts der Misteltherapie


Weitere Publikationen zum Thema

  1. Kienle GS, Kiene H. Die Mistel in der Onkologie. Fakten und konzeptionelle Grundlagen. Stuttgart: Schattauer Verlag; 2003. in Druck  Buch bestellen
  2. Kiene H. Naturwissenschaftliches Denken in der Medizin. In: Matthiessen PF, Tautz C: Onkologie im Spannungsfeld konventioneller und ganzheitlicher Betrachtung. München: W. Zuckschwerdt Verlag; 1988. S. 23-32.
  3. Kiene H. Der Universalienstreit in Biologie und Medizin. In: Goedings P (Hrsg). Wege zur Erkenntnis der Heilpflanze. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben; 1996. S. 11-30.
  4. Kiene H. Komplementärmedizin – Schulmedizin: Der Wissenschaftsstreit am Ende des 20. Jahrhunderts. Stuttgart: Schattauer Verlag; 1994, 182 S.
  5. Kiene H. Grundlinien einer essentialen Wissenschaftstheorie. Die Erkenntnistheorie Rudolf Steiners im Spannungsfeld moderner Wissenschaftstheorien. Stuttgart: Verlag Urachhaus; 1984, 239 S.