Cognition-based Medicine
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Die
Wirksamkeitsfrage untersucht ein Ursache-Wirkungs-Verhältnis: Die
zentrale Frage der Methodologie klinisch-therapeutischer Forschung
lautet deshalb: Wie wird Kausalität, wie wird Wirksamkeit erkannt?
Konventionelle Methodenlehre
Die klassische Antwort der klinischen Epidemiologie hierauf ist:
Die valide und verläßliche Bestimmung der Wirksamkeit
erfolgt in einer lege artis durchgeführten randomisierten Studie.
Diese Antwort baut auf mehreren methodischen Prämissen auf,
die im Rang von Paradigmen stehen. Sie wurden im Verlauf der letzten
vier Jahrhunderte durch berühmte Philosophen und Methodiker
formuliert und etabliert1 . Sie besagen (siehe Abbildung 1):
Sicheres empirisches Erkennen eines Ursache-Wirkung-Zusammenhangs sei
nur möglich 1.) unter experimentellen Bedingungen, 2.) durch
häufig wiederholte Beobachtungen, 3.) durch Vergleichen, 4.) durch
Randomisation. Das wichtigste dieser vier Paradigmen ist die Aussage
David Humes (2.), daß ein Kausalerkennen nur durch häufig
wiederholte Beobachtungen möglich sei, nie aber am Einzelfall.
Diese Humesche Position war ein maßgebender Antriebsfaktor der
Erkenntnistheorie der vergangenen dreihundert Jahre, u. a. bei Kant und
Popper.
Abbildung 1: Erkenntnismethodische Prämissen der konventionellen Methodenlehre der Wirksamkeitsbeurteilung
|
- Sicheres empirisches Erkennen sei nur unter experimentellen Bedingungen möglich.
= Paradigma des Experiments – Francis Bacon2, 17. Jh.
- Ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang (Kausalzusammenhang) könne
nie an einem Einzelfall festgestellt werden, sondern nur durch
wiederholte, vielzahlige Beobachtungen.
= Paradigma der wiederholten Beobachtung – David Hume3, 18.Jh.
- Zum Erkennen eines Kausalzusammenhangs sei ein Vergleich
erforderlich: der behandelte gegen den nicht behandelten Fall (bzw.
eine Vielzahl behandelter Fälle verglichen mit einer Vielzahl
nicht behandelter gleicher Fälle).
= Paradigma des Vergleichs – John Stewart Mill4, 19. Jh.
- Da die zu vergleichenden Fälle meist nicht ganz gleich sind
und unterschiedlich reagieren, müsse die Zuteilung zur Behandlung
oder Nicht-Behandlung per Randomisation erfolgen.
= Paradigma der Randomisation – Ronald Fisher5, 20. Jh.
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Übertragen auf die klinisch-therapeutische Forschung ergibt sich:
Ein Wirkamkeitsnachweis erfordere eine Studie (= experimentelle
Bedingungen) an einer Kohorte (= wiederholte Beobachtungen an vielen
Patienten) mit einer Kontrollkohorte (= Vergleichen) bei
zufallsgenerierter Zuordnung der Patienten zur Prüf- bzw.
Kontrollkohorte (= Randomisation). Siehe Abbildung 2.
Abbildung 2: Übertragung der
erkenntnismethodischen Prämissen 1. – 4. (Abbildung 1) auf das
Design klinischer Wirksamkeitsnachweise
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1. Studie
2. Kohorten-Studie
3. vergleichende Kohorten-Studie
4. randomisierte vergleichende Kohorten-Studie
= RCT
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Unter der Voraussetzung, daß diese Prämissen umfassend
gültig sind, wäre eine Wirksamkeitsbeurteilung aufgrund von
individuellem ärztlichem Urteil bzw. ärztlicher Erfahrung
nicht möglich. („Die Frage, ob ein Mittel wirksam ist oder nicht,
läßt sich grundsätzlich nicht durch einzelne
Beobachtungen entscheiden.“6). Die entscheidende Frage ist aber, ob die o. g. Prämissen umfassend gültig sein können.
Komplementäre Methodenlehre
1935 demonstrierte der Gestalttheoretiker Karl Duncker („Zur Psychologie des produktiven Denkens“7)
mit einfachen Beispielen, daß Humes Dogma der Unmöglichkeit
des Kausalerkennens am Einzelfall im Grundsatz falsch ist. Dunckers
Ausführungen waren eine epistemologische Revolution ersten Ranges,
die allerdings in der Medizin und der klinischen Methodologie nicht zur
Kenntnis genommen wurde. Nach Duncker besteht das allgemeine Prinzip
des singulären Kausalerkennens in folgendem: Die Gestalt
(Struktur, Qualität) der Ursache erstreckt sich hinein in die
Gestalt (Struktur, Qualität) der Wirkung und findet sich dort
wieder. – Der Rhythmus der Fingerbewegungen wird zum Rhythmus der
Klopfgeräusche; das Profil der Wagenräder findet sich in der
zurückgelassenen Reifenspur auf dem Feld; die Folge der
Trompetentöne bildet sich ab in Rhythmus und Melodie des Echos. Im
Alltag folgt das Erkennen von Kausalzusammenhängen meist dem
Duncker’schen, nicht dem statistischen Prinzip. Auch Naturgesetze
werden im allgemeinen so gefunden1.
Dunckers Ansatz wurde in den 60er Jahren weiter ausgebaut8 und kürzlich weiter systematisiert und differenziert und auf die Bedingungen der Wirksamkeitsbeurteilung übertragen1.
Prinzipien und Kriterien des singulären Kausalerkennens kommen in
der Medizin allenthalben zum Tragen: bei Operationen (z. B. von
Darmstenosen, bei Verschraubungen, Schienungen, etc.), wenn die Gestalt
der Verursachung (z. B. operative Beseitigung der Stenose) sich in der
Struktur der Wirkung (z. B. der Durchgängigkeit) unmittelbar
beobachten läßt; bei medikamentöser Therapie, wo
verschiedenste strukturelle Beziehungen auftreten können, die
sichere Wirksamkeitsbeurteilungen am Einzelfall erlauben, z. B. beim
Auslaßversuch, bei intermittierender Behandlung, bei topischer
Wirkung in einem begrenzten Areal (z. B. Dermatologie), bei
Dosis-Wirkungs-Beziehung (z. B. Hochdrucktherapien, Schmerztherapien,
verschiedene psychiatrische Therapien, usw.) oder wenn sich
beispielsweise bei der Leitungsanästhesie das analgesierte Areal
mit dem morphologischen Ausbreitungsgebiet der behandelten Nerven
deckt. Es gibt eine Vielzahl solcher Möglichkeiten der validen
Wirksamkeitsbeurteilung am Einzelfall1.
Allgemeine Kriterien der Wirksamkeitsbeurteilung am Einzelfall sind in
Tabelle 1 wiedergegeben. Beispiele aus der medizinischen Literatur sind
an anderer Stelle beschrieben, z. B.1,9
Tabelle 1: Kausalitätskriterien für die Wirksamkeitsbeurteilung am individuellen Patienten1
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Erkennen einer abbildenden Korrespondenz
- Korrespondenz von Zeitpunkten und das Vorher-Nachher-Zeitverhältnis
- Korrespondenz von Zeitmustern
- Korrespondenz von Raummustern
- Morphologische Korrespondenz
- Dosis-Wirkungs-Korrespondenz
- Prozessuale Korrespondenz
- Dialogische Korrespondenz
Erkennen einer Kausalgestalt
- Funktionelle therapeutische Kausalgestalt
- Funktioneller Therapieprozeß
Erkennen von Kausalfaktoren durch Begleituntersuchungen
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Auf der Basis der Kriterien des singulären Kausalerkennens
eröffnen sich neue und andere Perspektiven
klinisch-therapeutischer Forschung, mit folgenden logistischen
Eckpfeilern: 1.) Wirksamkeitsbeurteilung am Einzelfall, 2.)
Effektivitätsbeurteilung (Erfolgsquote) an der Kohorte, 3.)
Beurteilung des Stellenwerts der Therapie durch Literaturvergleich1.
Für die hier besprochenen Fragen ist die gestalttheoretische
Methodik der singulären Wirksamkeitsbeurteilung von entscheidender
Bedeutung, denn sie zeigt, daß ärztliches Urteil und
ärztliche Erfahrung auf anderen Grundlagen aufbauen als von der
klinischen Epidemiologie vorausgesetzt. Bei Vorliegen entsprechender
Urteilskriterien (s. Tabelle 1)
ist eine subtile und differenzierte Wirksamkeitsbeurteilung an
einzelnen Patienten möglich, und relativ kleine Behandlungsserien
erlauben Beurteilungen der Erfolgsquoten.
Die Komplementäre Methodenlehre bietet die Basis für
eine wissenschaftliche Fortentwicklung der Medizin über die
Evidence-based Medicine hinaus - als Cognition-based Medicine.
Buchbesprechung (PDF) von Prof. Dr. Alexa Köhler-Offierski
Literatur
- Kiene H. Komplementäre Methodenlehre der klinischen Forschung.
Cognition-based Medicine. Berlin – Heidelberg – New York:
Springer-Verlag; 2001, 193 S.
- Bacon F. Neues Organon. [Erstausgabe 1620]. Hamburg: Felix Meiner Verlag; 1990, 275 S.
- Hume D. Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand [englische Erstausgabe 1758]. Stuttgart: Reclam; 1976.
- Mill JS. System der deduktiven und induktiven Logik. [Englische Erstausgabe 1843]. Aalen: Scientia Verlag;1968.
- Fisher RA. The Design of Experiments [Erste Auflage 1935]. Edinburgh – London: Oliver and Boyd; 1951, 244 S.
- Wölk W. Paramedizinische Therapie und Rechtsprechung. Med.R. 1995.12:492-496.
- Duncker K. Zur Psychologie des produktiven Denkens [Erstausgabe 1935]. Berlin: Springer-Verlag; 1963.
- Michotte A. Phänomenale Kausalität. Bern – Stuttgart – Wien: Verlag Hans Huber; 1982.
- Kienle GS, Kiene H. Die Mistel in der Onkologie - Fakten und konzeptionelle Grundlagen. Stuttgart – New York: Schattauer Verlag; 2003, 749 S.
Weitere Publikationen zum Thema
- Kienle GS, Kiene H. Die Bedeutung klinischer Erfahrung und individueller Therapiebeurteilung. Der Merkurstab 2009; 62: 406-410.
- Kiene H: Was ist Cognition-based Medicine? Z. ärztl. Fortbild. Qual. Gesundh.wes. 2005(99):301-6. Volltext (PDF)
- Kiene H, Hamre HJ, Kienle G: Der Beitrag der Gestalttheorie zur Methodik der Therapieevaluation. Gestalt Theory 2004;26(3):252-264.
- Kienle GS: Entwicklung und Etablierung der Einzelfallmethodologie im Sinne von Cognition-based Medicine am Beispiel der Misteltherapie. Der Merkurstab 2004;57(5):383-386.
- Kienle GS, Baars, E. "Mut und Entschlossenheit" - Ein erster Kurs für Cognition-based Medicine (2004). Der Merkurstab 2004;57 (2):162-4.
- Kienle GS, Kiene H. Die Coley'sche Fiebertherapie der Krebserkrankung - historischer Markstein oder heute noch Vorbild? Ein Beispiel für Cognition-based Medicine. Der Merkurstab 2003;56(6):355-64.
- Kienle GS, Karutz M, Matthes H, Matthiessen PF, Petersen P, Kiene H: Konkurs der ärztlichen Urteilskraft? Deutsches Ärzteblatt 2003; 100(33): A 2142–2146
- Kiene H, von Schön-Angerer T. Single-case causality assessment as a basis for clinical judgment. Alternative Therapies in Health and Medicine 1998; 4 (1): 41-47.
- Kiene H. Wirksamkeitsbeurteilung in der Kunsttherapie. In: Petersen P (Hrsg). Forschungsmethoden Künstlerischer Therapien. Stuttgart: Verlag Johannes M. Mayer & Co.; 2002. S. 110-122.
- Hamre HJ. Dokumentation der Kunsttherapie – Einzelfallmethodologie und Beispiel Modellprojekt. In: Henn W, Petersen P (Hrsg). Kunsttherapie in der Onkologie. Dokumentation 1. Internes Forschungssymposion an der Fachhochschule Ottersberg 2.-4. Oktober 1998. Ottersberg: Freie Kunst-Studienstätte Ottersberg; 1999. S.
26-28.
- Hamre HJ, Kiene H. Kriterien für die Wirksamkeitsbeurteilung am Einzelfall – eine Checkliste. Der Merkurstab 1998; 51 (4): 239.
- Kiene H. Evidence Based Medicine – Cognition Based Medicine. Geistesgeschichtliche Hintergründe und Werdegang der Paradigmen. Der Merkurstab 1998;51 (3):123-131.
- Kiene H. Sind Wirksamkeitsnachweise in Anwendungsbeobachtungen unmöglich? In: Hönig R, Eberhardt R, Kori-Lindner C, Langen M (Hrsg). Anwendungsbeobachtung. Qualitätsstandards, praktische Durchführung, Beitrag zur Arzneimittelsicherheit und Nachzulassung. Berlin: E. Habrich Verlag; 1998. S. 65-78.
- Kiene H. Wie kann man die Besonderen Therapierichtungen beurteilen? Hufeland Journal 1998.
- Kiene H, Hamre HJ. Orientierungshilfen zur Therapiedokumentation am Einzelfall. Der Merkurstab 1998;51 (4):211-219.
- Kiene H, von Schön-Angerer T. Reply to "In support of single-case clinical studies" by Braud W. Alternative Therapies in Health and Medicine 1998;4 (3):88, 119.
- Kiene H. Sind Wirksamkeitsnachweise in Anwendungsbeobachtungen unmöglich? Pharmazeutische Industrie 1997;59 (9):737-741.
- Kiene H. Kausalität, anthroposophische Medizin und Statistik. In: Antes G, Edler L, Holle R, Köpcke W, Lorenz R,
Windeler J (Hrsg). Biometrie und unkonventionelle Medizin. Biometrische Berichte Band 3. Münster: Landwirtschaftsverlag; 1995. S. 125-134.
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