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Replik zu "Mistel in der Krebstherapie"1
In der März/Juni Ausgabe von Alternative Therapies in Health and Medicine
erschien der Artikel von R. Grossarth-Maticek, H. Kiene, St. M. Baumgartner
und R. Ziegler: Use of Iscador, an extract of European mistletoe (Viscum
album), in cancer treatment: prospective nonrandomized and randomized
matched-pair studies nested within a cohort study. Zu dieser Studie erschien
im Januar 2004 eine sechsseitige Besprechung im Deutschen Ärzteblatt
(Edler L: Mistel in
der Krebstherapie, Deutsches Ärzteblatt 2004;101:A44-A49), die
viele unzutreffende und irreführende Aussagen enthielt. Folgendes ist
eine Richtigstellung der Studienautoren. Eine Kurzfassung dieser Replik wird
im Deutschen Ärzteblatt erscheinen.
Richtigstellung seitens der Studienautoren
Ronald Grossarth-Maticek, Dr. med., Dr. phil., Dr. h.c., Professor
für präventive Medizin/ Postgraduierte Studien ECPD
Helmut Kiene, Dr. med.
Stephan Baumgartner, Dr. rer. nat.
Renatus Ziegler, Dr. rer. nat.
| 1. |
Entgegen dem Publikationstitel von Grossarth
et al. („Prospective nonrandomized and randomized matched-pair studies
nested within a cohort study“) besteht Edler nachdrücklich darauf,
es handle sich um eine „retrospektive Studie“. Dies ist falsch. Tatsache
ist: Nach der Aufnahme in die Matched-Pair-Studien (Matching entsprechend
prognostischer Faktoren und Jahr der Diagnosestellung) wurden die Patienten
bis zum Todeszeitpunkt weiter verfolgt. Somit ging die Blickrichtung von
der Vergangenheit in die Zukunft (= Definitionskriterium prospektiver Studien
nach Feinstein5 und nach Last‘s Dictionary of
Epidemiology6); zudem lagen die maßgeblichen
Zielparameter – Überlebenszeit und Änderung der psychosomatischen
Selbstregulation – bei Planung und Beginn der Studien jeweils in der Zukunft
(= zweites Definitionskriterium prospektiver Studien nach Feinstein5, aber auch nach Dawson-Saunders & Trapp7); nach Spilker wäre zu spezifizieren als „prospective
study with historical baseline“8. Es handelt
sich eindeutig um prospektive Studien. |
| 2. |
Laut Edler sei das beschriebene Matching-Verfahren
nicht möglich, da man bei mehr als 40 Prognosefaktoren mehr als
250 Klassen erhalte. Diese Aussage ist falsch.
Wie in der Publikation deutlich beschrieben, gab es z. B. für Patienten
mit Kolonkarzinom nur 6 (nicht 40) gematchte Prognose-Faktoren, ähnlich
bei anderen Tumorarten. Zudem waren die Faktoren nicht gänzlich
unabhängig voneinander. Ergo: Das beschriebene Matching war möglich.
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| 3. |
Edler schreibt, es seien von 622 nicht-randomisierten
Paaren nur 396 ausgewertet worden. Dies trifft nicht zu. Beide Ergebnisse
(die der 396 eng gematchten und der 622 weit gematchten Paare) wurden
ausgewertet und publiziert2-4.
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| 4. |
Da in der Studie die Überlebenszeit ab Diagnosedatum
und nicht ab Behandlung gemessen wurde, sei das Prinzip von Intention-to-treat
verletzt. Die Aussage ist falsch. Die Art der Überlebenszeiterfassung
hat mit dem Prinzip von Intention-to-treat (= Auswertung entsprechend
initialer Gruppenzuordnung9) nicht das geringste
zu tun. Im übrigen kann es auch gute Gründe geben, vom Intention-to-treat-Prinzip
abzuweichen9.
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| 5. |
Edler zitiert aus einer ihm von irgendwoher zugespielten
Vorversion der Studienpublikation, daß ein Kontrollpatient gleichzeitig
in mehreren der Studien als Kontrolle dienen könne; dies würde
jede statistische Auswertung korrumpieren. Edler hat übersehen,
daß diese Formulierung sich nicht auf die Iscadorstudien, sondern
auf das weiterreichende methodische Gesamtprinzip der sog. Systemischen
Epidemiologie bezog. Innerhalb der Iscadorstudien gab es selbstverständlich
keine Mehrfachverwendung eines Kontrollpatienten.
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| 6. |
In der statistischen Auswertung der Studie gebe
es die bekannte Problematik multipler Vergleiche. – Diese Kritik geht
ins Leere: a) Sie gilt nicht für die (statistisch signifikanten)
Ergebnisse der beiden randomisierten Matched-Pair-Studien, da diese
unabhängige Studien waren. b) Für die nicht-randomisierte
Matched-Pair-Studie (mit statistisch signifikantem Gesamtergebnis) war
eine Untergruppenanalyse entsprechend der 8 enthaltenen Tumorarten vollauf
angezeigt – und legitim, denn die Wahrscheinlichkeit falsch positiver
Ergebnisse war gering: Erstens waren die Iscadorarme stets (= 8mal)
überlegen, hiervon 6mal signifikant (p < 0,05) und 4mal hochsignifikant
(p < 0.001). Zweitens war die durchgeführte Statistik (Log-rank-Test,
ohne Berücksichtigung der Stratifizierung nach dem Matched-Pair-Design)
konservativ, d. h. zuungunsten der Iscador-Gruppe. Zum Vergleich:
Eine Analyse nach dem Wilcoxon-Matched-Pair-Test, die in der Originalarbeit
nicht dargestellt ist, ergibt auch nach Korrigieren für multiples Testen
(Bonferoni) signifikante Überlegenheiten für alle
einzelnen Teilstudien (p < 0,05).
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| 7. |
Edler spekuliert über die Folgen eines möglichen
Ausschlusses von Kontrollpatienten nach Erhalt einer Iscadortherapie.
Wie allerdings aus der Publikation ersichtlich ist (alle Ausschlußgründe
sind explizit angeführt), kamen solche Fälle nicht vor. Edler
spekuliert weiter über verschiedene Möglichkeiten der prognostischen
Begünstigung der Iscadorpatienten durch das Matching-Verfahren;
er reflektiert aber nicht, daß solche Möglichkeiten gleichermaßen
für die Kontrollpatienten gelten.
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| 8. |
Die Berechnung arithmetischer Mittelwerte sei
bei Überlebenszeiten unzulässig, u. a. wegen zensierter Daten.
Auch diese Aussage ist falsch. Wie in der Publikation erwähnt, lebten
bei Studienabschluß nur noch Iscadorpatienten (n=23); die Zensierung
führte also zu einem konservativem Ergebnis zuungunsten der
Mistelgruppe und war deshalb legitim. Überhaupt ermittelt der eingesetzte
log-rank-Test nicht eigentlich den Unterschied der mittleren Überlebenszeiten,
sondern der gesamten Absterbekurven.
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| 9. |
Die nicht-randomisierten und randomisierten Matched-pair-Studien
hätten keine externe Validität, weil sie nur einen relativ
geringen Teil der Ausgangspopulation umfassen („die Verallgemeinerung
verbietet sich schon numerisch“). Diese Kritik berücksichtigt nicht
die Architektur von Matched-Pair-Studien; außerdem gilt diese Kritik
gleichermaßen für fast alle konventionellen randomisierten
Krebstherapiestudien, in die immer nur ein kleiner Teil der betreffenden
Krebspatienten eingeht. Im übrigen ist illusorisch anzunehmen, das
allgemeine Dilemma externer Verallgemeinerung mittels eines numerischen
Modells lösen zu können.
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| 10. |
Nach Edler sei die Untersuchung nicht nach GCP
durchgeführt und deshalb problematisch. Jedoch: Die Aufnahme gematchter
Paare erfolgte von 1971 bis 1988, GCP wurde in Deutschland aber erst
im Dezember 1987 eingeführt10. Auch bei
sehr vielen anderen Studien, deren Durchführung oder Patientenrekrutierung
vor 1988 lag, fehlt GCP-Konformität, dennoch werden solche Studien
regelmäßig z. B. in Cochrane-Reviews eingeschlossen, also im
heutigen Standard von Evidence-based Medicine positiv gewürdigt.
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| 11. |
Nach Edler sei die Studie „nicht unter den Bedingungen
der Deklaration von Helsinki“ durchgeführt. Diese Aussage ist nicht
richtig. Die Studie verletzt keinen einzigen Satz der Deklaration von
Helsinki, wie sie bis Ende der Patientenrekrutierung (1988) formuliert
war11. Erst durch den Zusatz von Hongkong (1989)
wurden formale Anforderungen entsprechend GCP in die Deklaration aufgenommen12. Hierzu gilt, was bereits unter Punkt 10 gesagt
wurde.
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| 12. |
Ein Problem sei, daß keine GCP-konforme
schriftliche Festlegung der Fragestellungen, der Effekthypothesen und
keine Fallzahlplanung vorliege. Jedoch: Die Wahl der primären Fragestellung
(Überlebenszeit) ist eine Selbstverständlichkeit. Zudem: Die
Fallzahlen führten in 6 der 8 (bei weniger konservativem statistischem
Test in 8 der 8) nicht-randomisierten und in beiden randomisierten Matched-Pair-Studien
zu statistisch signifikanten Ergebnissen, waren also ausreichend.
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| 13. |
Edler zitiert einseitig zwei Literaturstellen
von 199113,14, welche die
Datenqualität einer Untersuchung von Grossarth-Maticek in Abrede
gestellt hatten, er zitiert aber nicht die ausführliche, auf diese
Kritiken eingehende Apologie der Grossarthschen Studien seitens des international
renommierten Wissenschaftlers Eysenck (1992)15.
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| 14. |
Edler ordnet die Studien von Grossarth et al.
unter die Rubrik „nicht randomisiert“ (Tabelle 2) und beschränkt
die Eignung für schlüssige Evidenz auf randomisierte Studien.
Tatsache ist aber, daß zwei der Studien prospektiv randomisiert
waren, außerdem anerkennt Evidence-based Medicine auch nicht-randomisierte
Studien, spricht jedenfalls stets von mehreren Evidenzstufen (was seine
Berechtigung hat16-18). Darüber hinaus ergeben
sich besondere Vorteile durch, wie hier geschehen, die Vernetzung nicht-randomisierter
und randomisierter Studien.
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| 15. |
Den von ihm kritisierten Mistelstudien, die positive
Ergebnisse haben, stellt Edler zwei „korrekt durchgeführte randomisierte
Studien“ mit negativen Ergebnissen19,20 entgegen, ohne aber die in systematischen Reviews
genannten, zum Teil schwerwiegenden Probleme dieser Studien zu erwähnen21,22. Edler behauptet, es gebe bisher
kein systematisches Review aller Mistelstudien. Dies trifft nicht zu;
ein Blick in Medline zeigt, daß im Februar 2003 ein systematisches
Review aller kontrollierten klinischen Studien (n = 23) publiziert wurde21; darüber hinaus enthält das umfangreiche
Standardwerk zur Mistelforschung („Die Mistel in der Onkologie“) ein
systematisches Review aller klinischen Studien (n = 93)22.
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Literatur
- Edler L. Mistel in der Krebstherapie.
Fragwürdige Ergebnisse neuerer Studien. Deutsches Ärzteblatt
2004; 101(1-2):A44-A49.
- Grossarth-Maticek R, Kiene H, Baumgartner
S, Ziegler R. Use of Iscador, an extract of European mistletoe (Viscum
album), in cancer treatment: prospective nonrandomized and randomized
matched-pair studies nested within a cohort study. Altern Ther Health
Med 2001; 7(3):57-78.
- Grossarth-Maticek R, Kiene H, Baumgartner
S, Ziegler R. Addendum to Iscador article. Altern Ther Health Med 2001;
7(4):26.
- Grossarth-Maticek R,
Kiene H, Baumgartner S, Ziegler R. Verlängerung der Überlebenszeit
von Krebspatienten unter Misteltherapie (Iscador). Schweiz Zschr GanzheitsMedizin
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